Amalfitana

Ein Romanauszug (unveröffentlicht)

Kapitel 1

Der Küstenort in Süditalien sollte mein Leben verändern. Aber das wusste ich damals noch nicht: Amalfi!

Ich saß im Zug nach Salerno, via Basel, Sankt Gotthard, Bellinzona, Lugano, Chiasso, Milano, Piacenza, Bologna, Firenze, Roma, Napoli. Ein Fahrplan wie ein Operettenlibretto. Eigentlich hatten Peter und ich für den Frühlingsurlaub eine Woche Kunst und Kultur in Wien geplant: Hofburg, Schloss Schönbrunn, Burgtheater, Museen, Prater. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Soll er doch mit ihr nach Wien fahren!

Warum ich den Zug und die ganzen Strapazen einer langen und beschwerlichen Bahnfahrt auf mich genommen habe, anstatt zu fliegen? Ganz einfach: weil ich Angst vor dem Fliegen habe, unvorstellbare Angst!

Zwischen Freiburg und Basel fühlte ich mich das erste Mal wie im Süden, wie in Urlaub. Die Sonne ging gerade über dem Schwarzwald auf und erleuchtete das Abteil. Der ältere Herr mir gegenüber sagte:
"Schauen Sie, der Berg dort mit der kahlen, runden Kuppe, das ist der Belchen. Der dritthöchste Berg des Schwarzwaldes, 1414 m. Weiter hinten liegen das Herzogenhorn und der Feldberg, das sind die zwei höchsten. Waren Sie schon einmal im Schwarzwald?"
Müde und schläfrig, wie ich war, hörte ich ihm gar nicht richtig zu. In Müllheim stieg er endlich aus und verabschiedete sich höflich:
"Ich muss Sie nun verlassen. Ich fahre zur Kur nach Badenweiler, das Herz, wissen Sie, das Herz! Aber, was rede ich, Sie sind ja noch jung. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise und schönen Urlaub!"
'Ja, das Herz', seufzte ich, als ich ihm auf dem Bahnsteig nach schaute.

Peter, wie konnte er mir das antun? Wie konnte er nach all den Jahren? Er liebte mich doch, jedenfalls hatte er mir das immer wieder gesagt. Und ich hatte ihm geglaubt. Männer! Peter war schließlich auch nur einer von ihnen. Die Midlife Crisis, klarer Fall von Midlife Crisis! Immerhin war er schon fünfzig, und diese Lena nur halb so alt wie er. Lena, wie kann man nur Lena heißen!
"Franziska" hatte er plötzlich eines morgens in der Küche gesagt – und ich weiß, wenn er mich 'Franziska' nennt, folgt nichts Gutes – "ich muss dir etwas sagen: Ich habe eine andere! Ich habe mich in eine andere verliebt!"

Augenblicklich sackte ich zusammen, den Boden unter den Füßen hat er mir mit diesem Satz weg gezogen, ich konnte nicht einmal richtig weinen oder vor Wut schreien, nur stammeln:
"Nein, nein ... ah."

"Grüezi! Die Fahrausweise bitte!" riss mich der freundliche Schaffner aus meinen Gedanken. Ein adretter Mittvierziger, der in seiner Bahnuniform aussah, wie aus einer heiteren Verwandlungskommödie entlaufen.
"Ah, Sie reisen nach Süditalien, sehr schön. Ich wollte auch immer einmal dort hin fahren, aber weiter als bis zum Lago Maggiore habe ich es noch nie geschafft. Gute Reise und viel Vergnügen!" verabschiedete er sich. Sein drolliges Schwizerdütsch ließ mich lächeln. Plötzlich wurde es dunkel, die Beleuchtung im Waggon flackerte auf, und der Fahrtlärm dröhnte mir in den Ohren, dass ich regelrecht zusammen zuckte. Die Frau mir gegenüber musste es sofort bemerkt haben, denn sie tröstete mich:
"Das ist nur der Gotthardtunnel, liebe Frau, Sie müssen sich nicht so erschrecken! Nur ein Tunnel. In einer viertel Stunde sind wir wieder raus und im schönen Tessin. Das ist fast schon wie in Italien. Aber noch in der Schwiz."

2017 Werner Weimar-Mazur