Unveröffentlichtes

meine woche

am sonntag verwandle ich mich
in einen baum lasse ich
den frühling herein gebe der katze
zu fressen
oder nicht

am donnerstag muss ich mich erinnern
an die kindheit alte fotos fallen
mir in die hände
ein einkaufszettel
den mutter schrieb

am mittwoch werfe ich
meine blätter ab

am freitag kaufe ich ein
lauter dinge auf mutters einkaufszettel
einige gibt es schon lange nicht mehr
in den auslagen und regalen
gehen spinnen um

am montag suche ich die katze

am dienstag gebe ich es auf

am samstag gehe ich
in mich versuche ich
ordnung zu bringen
in die gedanken mein leben
beknie den gott der zweifelnden und verlorenen

dass er gnädig ist
und mir einen achten wochentag schenkt
für dich mit dir

 

zu nachtschlafender zeit

1
stellte ich ins zugfenster
einen blumenstrauß für dich
und beobachtete den regen
dahinter vorbeiziehen

berge ein see ein fluss ein meer
bildeten die kulisse

schlief ich lang
und erwachte erst im nächtlichen
hauptbahnhof einer stadt
klang der atem neben mir wie deiner
und doch wieder ganz anders



2
zählten wir die autos
die augen der autos
die fahrer in der nacht
waren spiegelungen
auf dem nassen asphalt
sangen die räder und beifahrer laut mit

wölbten wir die hand über das land
unsere lebens und schicksalslinien
überspannten die felder und flüsse
ragte graues gestein steil auf
und warf seinen schatten
auf unseren puls
er schlug
wie die flügel der eule in nächtlicher jagd

Guinea-Bissau (Djiu di Galinha)

für Super Mama Djombo, Dulce und Sylvain

es gibt keine anderen als politische gedichte
keine anderen als vom kampf
für das lesen
die bildung
und die liebe
des kindes zu seinem huhn
erleuchtete den ganzen himmel
und das gesicht der mutter
mit stille
bescheidenheit
rührung
und als der tag sich in der nacht versteckte
war auch das huhn tot

silvia

nachts
in meinen träumen
falle ich immer in die tiefe
unter mir das türkisblaue meer
schweigt
vorbei an kalkgrauen felsen
stürze ich
wer hält mich fest wer fängt mich auf
nachts
in meinen träumen
nimmt mich der sommer bei der hand

die schwäne
gehen auf die reise

(2003)

im geträumten leben bin ich wach

im geträumten leben bin ich wach
leben erinnerungen auf meiner haut
trag ich ein tattoo
den amethyst auf der brust
und das wasser zum brunnen
ziehen kreise im achat
und auf dem see
geht an meiner seite
ein viel zu groß geratener engel
in der tram löse ich einen fahrschein für ihn
im kaufhaus wartet er vor den umkleidekabinen
bis ich ihm mein neues kleid vorführe
fragt er mich nach dem lied der amsel
sing ich es ihm aus voller brust
zwischen den zweigen zittert die sonne

(2012)

2018 Werner Weimar-Mazur