Unveröffentlichtes

aus dem nord-südlichen diwan

be.such mich in meinen träumen
zwischen akureyri und zakopane
biete ich dir einen sitzplatz an
steigen wir auf die krafla den giewont
stürzen wir uns in ein meer aus mücken
die stille der beskiden
und besingen den trockenen stockfisch
den kranz aus muschelschalen an den hüten der bergbewohner
später werden wir weiter ziehen nach diyarbakır
und uns lieben auf der stadtmauer
im licht des kurdischen neumonds
oder wir legen uns zu den heiligen fischen in şanlıurfa
bis wir erwachen aus dem schlafmohn in versen eines langgedichts
das uns glauben machen will es gäbe sirenen
die nicht verführen
die nicht zugrunde richten
die heimwärts irrenden fischer mit ihren leeren netzen
und nichts sonst als offenen händen vom salz der arbeit
offenen herzen vom salz einer liebe
be.such mich
[nicht]
in einem anderen leben

 

zu nachtschlafender zeit

1
stellte ich ins zugfenster
einen blumenstrauß für dich
und beobachtete den regen
dahinter vorbeiziehen

berge ein see ein fluss ein meer
bildeten die kulisse

schlief ich lang
und erwachte erst im nächtlichen
hauptbahnhof einer stadt
klang der atem neben mir wie deiner
und doch wieder ganz anders



2
zählten wir die autos
die augen der autos
die fahrer in der nacht
waren spiegelungen
auf dem nassen asphalt
sangen die räder und beifahrer laut mit

wölbten wir die hand über das land
unsere lebens und schicksalslinien
überspannten die felder und flüsse
ragte graues gestein steil auf
und warf seinen schatten
auf unseren puls
er schlug
wie die flügel der eule in nächtlicher jagd

Guinea-Bissau (Djiu di Galinha)

für Super Mama Djombo, Dulce und Sylvain

es gibt keine anderen als politische gedichte
keine anderen als vom kampf
für das lesen
die bildung
und die liebe
des kindes zu seinem huhn
erleuchtete den ganzen himmel
und das gesicht der mutter
mit stille
bescheidenheit
rührung
und als der tag sich in der nacht versteckte
war auch das huhn tot

silvia

nachts
in meinen träumen
falle ich immer in die tiefe
unter mir das türkisblaue meer
schweigt
vorbei an kalkgrauen felsen
stürze ich
wer hält mich fest wer fängt mich auf
nachts
in meinen träumen
nimmt mich der sommer bei der hand

die schwäne
gehen auf die reise

(2003)

im geträumten leben bin ich wach

im geträumten leben bin ich wach
leben erinnerungen auf meiner haut
trag ich ein tattoo
den amethyst auf der brust
und das wasser zum brunnen
ziehen kreise im achat
und auf dem see
geht an meiner seite
ein viel zu groß geratener engel
in der tram löse ich einen fahrschein für ihn
im kaufhaus wartet er vor den umkleidekabinen
bis ich ihm mein neues kleid vorführe
fragt er mich nach dem lied der amsel
sing ich es ihm aus voller brust
zwischen den zweigen zittert die sonne

(2012)

2019 Werner Weimar-Mazur