Anthologien + Zeitschriften

bogaz

Dichtungsring Nr. 55, 2019

Zeitschrift für Literatur, Dichtungsring e.V., Bonn (ISSN 0724-6412)

wir standen am ufer des bosporus
und blickten hinüber
in das gespiegelte land
dort aßen sie honig und tranken galle
leoparden säumten das ufer
autos hupten und Şirin winkte
einem albatros nach
der schatten seines flügels
streifte ihr gesicht
das wasser sang
und in den wellen verhallten
schüsse aus einem fernen gebirge

 

teheran

für Granaz Moussavi

eine wegwarte legten sie mir in den mund
die sich verlief
im schatten des waldes
fragte sie einen ziehenden wolf nach dem weg
über den glucksenden fluss sprang das tier mit mir
als sie mich fanden
später
im niemandsland
wunderte sich niemand über das büschel haare unter dem fingernagel
und den fetzen fell in der hand

kabul

wieder für Granaz Moussavi

wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
auf der straße vor dem haus
ratterte ein alter motorroller
und ahmad schlug auf seinen esel ein
schneeluft wehte von den bergen
sangen mädchen im radio
sirisirin
du bliebst stehen
die menge rannte weiter einer steinigung
hinterher
wir sprachen farsi und schnitten
zweige aus den kirschbäumen
im garten blühten reine verse
ahmads esel hatte sich losgerissen von seinem karren
und blieb stehen vor dem haus
am ende der straße
brachtest du ihm frisches gras
und reine verse

zu nachtschlafender zeit

all over heimat

hrsg. von Matthias Engels, Thomas Kade, Thorsten Trelenberg, STORIES & FRIENDS, Lehrensteinsfeld, ISBN: 978-3-942181-89-1 | Edition MIXED

1
ins zugfenster stellte ich
einen blumenstrauß für dich
und beobachtete wie der regen
dahinter vorbeizog

berge ein see ein fluss ein meer
bildeten die kulisse

ich schlief lang
und erwachte erst im nächtlichen
hauptbahnhof einer stadt
der atem neben mir klang wie deiner
und doch ganz anders

2
wir zählten die autos
die augen der autos
die augen der fahrer
in der nacht
waren spiegelungen
auf dem nassen asphalt
die räder und beifahrer
sangen laut mit

wir wölbten die hand über das land
unsere lebens und schicksalslinie
überspannten die felder und flüsse
graues gestein ragte steil auf
und warf seinen schatten
auf unseren puls
der schlug
wie die flügel der eule in nächtlicher jagd

 

vorort

auf den straßenbahn
schienen zieht ein zeisig
seine kreise
haltestellen kennt er auf bäumen

wundersam sind die sitten
und gebräuche
in alternden großtädten
gehen greise auf den gleisen
sitzen die jungen in der tram
und zünden sich ein handy an

weimar

weimar drängten kalkstein und mergel in die stadt öffneten sich klüfte und schlossen sich wieder um sich erneut zu öffnen und zu schließen wie der atem der rohre unter den straßen der puls der kabel und leitungen darüber bist du auf dem weg in ein neues leben und ein stück weiter siehst du erdfälle dolinen tagbrüche unter deinen füßen ein wellengebirge zur tiefe am abend war der asphalt weich flüssig wie der boden wie moor schwammen die autos zähltest du die bäume zwischen den häusern im park in schwimmbewegungen die vögel die krähen und zeisige die falter und schwärmer bauten fische nester zwischen korallenbäumen dolomitischen mergeln und tonsteinen bliebst du stehen und drehtest dich noch einmal um zu den schatten die dir von straßenlaterne zu straßenlaterne folgten den stimmen die dich riefen von der anderen straßenseite metallisch klang die nacht unter dem hundsstern tropften die perseiden auf dein kleid

du standst barfuß auf dem kopfsteinpflaster lagen deine nicht ausgesprochenen wünsche

an der kirchturmuhr war ein zeiger gebrochen eine falsche zeit hing über der stadt

im geträumten leben war ich wach

wortschaften wohnen mit buchbaumhecken um die häuser

 

weimar, 14. mai 2018, 21.52 uhr

DAS GEDICHT blog

Sandra Blume (Hrsg.): Netz-Anthologie "Das flüchtige Schöne einfangen", Folge 3, 30.01.2019

entlasse ich in den abend
eine drohne
eine saxophonsequenz
ein vielversiges epos
über die spannweite der sterne
die vom nahen bergrücken
auf die stadt nieder schauen
war dominique hier
und vor ihm david judith küssend
zum abschied in die nacht
klapperten hufe über das kopfsteinpflaster
knarrten die stahlbänder der wagenräder
um genau vier uhr in der früh
schrie ein pfau
schrie
sang
sang
eine drohne ein saxophon
ein vielversiges epos
in die nacht

 

Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren

2018 - sechsundzwanzig ausgewählte Gedichte

2017 - dreißig ausgewählte Gedichte

2016 - einunddreißig ausgewählte Gedichte

2015 - sechs ausgewählte Gedichte

2014 - achtzehn ausgewählte Gedichte

2013 - zwölf ausgewählte Gedichte

2012 - sieben ausgewählte Gedichte

2011 - ein ausgewähltes Gedicht

2019 Werner Weimar-Mazur