Anthologien + Zeitschriften

le quattro stagioni

WORTSCHAU Literaturmagazin

Ausgabe Nr. 39, Mai 2022 (ISBN 978-3-944286-36-5)

der herbst heißt es
sei die schönste jahreszeit
andere sagen der frühling
im sommer neigen sich die bäume zu den wassersportlern
und der schnee im winter ist das allerbeste
weil er taut
wieder verschwindet
leise
wie er gekommen ist

 

weimar, 14. mai 2018, 21.52 uhr

LiteraturLand Thüringen

Jede Woche ein Gedicht 09.05.2022

entlasse ich in den abend
eine drohne
eine saxophonsequenz
ein vielversiges epos
über die spannweite der sterne
die vom nahen bergrücken
auf die stadt nieder schauen
war dominique hier
und vor ihm david judith küssend
zum abschied in die nacht
klapperten hufe über das kopfsteinpflaster
knarrten die stahlbänder der wagenräder
um genau vier uhr in der früh
schrie ein pfau
schrie
sang
sang
eine drohne ein saxophon
ein vielversiges epos
in die nacht

 

troja

LiteraturLand Thüringen

Jede Woche ein Gedicht 21.03.2022

über die gefalteten dächer
wirft der krieg girlanden
ayhan schläft seit tagen
ziehen schillerfalter ins gebirge
liegen tarnnetze über karawansereien
und in den ebenen flugabwehrraketen
ayhan geht im traum
nackt zwischen soldaten
schläft der halbmond
hören schmetterlinge
flüsternde stimmen in den bergen

drängen truppen
von allen seiten gegen die stadt
auch vom meer
täuschen weiße segel frieden vor
rudert ayhan ihnen entgegen
in simulationen
fällt soldaten das töten leicht
im häuserkampf richten sich die gefalteten dächer
noch einmal auf
später werden die dichter des landes
die schönheit der berge besingen
doch die schillerfalter kehren nicht zurück

 

die wanderbewegungen des todes

LiteraturLand Thüringen

Stimmen gegen den Krieg 17.03.2022

stimmen wandern
und die tiere ihnen voraus

die auf einer bahre getragene
stimme des todes
durch das tor betrat sie die stadt
ging betteln in den straßen
bis die menschen ihr gaben
alles geld allen reichtum alles glück der welt

aus dem land der löwen
zogen löwenmenschen nach norden
in kalksteinhöhlen in einem kalten land
zu den bären und tigern
den rehen hirschen und eisvögeln
jagten sie den schnee

in die weiche haut des todes
sinken stimmen

 

erst kommen die versteppungen

dann die verwüstungen

die spielenden augen der kinder
das gras war schon fort

das zittern in der stimme kommt
von den einschlägen
erklärt er uns
in der stadt wächst die angst

fluchtgedanken nur wenige
wollen bleiben und sterben

es ist ein bisschen wie früher
im winterkrieg
nur dass der schnee langsam taut
die angreifer einmal brüder und schwestern waren

der wald bietet keine
verstecke mehr

sagt er uns und wendet den blick
zu boden
der einmal muttererde hieß
und alle ernährte

wir könnten singen schlägt er uns vor
aber das hilft nicht gegen sterben

und auf einmal singen wir
vom himmel über den kornfeldern
von den kosaken
die ihre mädchen verließen

falken flogen über die dörfer
und schlugen tauben

schöne hinter den bergen hinter dem meer
leuchtet die freiheit
und die augen der kinder spielen weiter
mit dem lange verschwundenen gras

die augen des despoten

gespiegelte landschaften gespiegelte städte
echoräume für die stimmen
und die toten

eine liste von namen
keine gräber keine grabsteine

und die augen haben arme
hand
langer

an die verlassenen strände
spült sein letzter speichel
den leichengeruch der geschichte

den entkommenen
bleibt einzig die atemlosigkeit

Kyjiw

das letzte grün des abendhimmels durchschritt
den schallkegel des sirenengeheuls
auf den straßen die menschen rannten
hinterher
war nur noch stille

und stimmen aus dem off hoben an
zu grünen gesängen
bis weit in die nacht
schüsse raketeneinschläge in die vielen zuhause
erst am morgen erstarben die stimmen

ares persönlich war vorgerückt
zu wüten
der krieg ist der vater aller dinge heißt es
und er zeugte kinder mit hässlichen antlitzen
die den fratzen von despoten glichen

die stadt war ausgelaufen
ihr blut rann durch die straßen
schwappte über die ränder
durch die tore hinaus auf die felder
legte sich ein meer aus schatten übers land

Ще не вмерла Україна
noch ist die Ukraine nicht gestorben
ich gehe allein über eine straße aus zeit
lemuren drehen die sanduhren um
welt verrieselt

Ukrajina

das buch des lebens ist leer geschrieben
jetzt beginnt das buch des todes

wir haben die traurigkeit erkannt
sie kam nicht in einem gedicht
wir haben die trauer erkannt
sie kam in einem krieg
gegen ende des winters
es wollte bald frühling werden
das eis der flüsse und auf den bergen
begann zu schmelzen
die bären hielten noch winterschlaf
nur einer erwachte vor der zeit

begann vor der zeit sich neuen speck anzufressen
fraß menschen
er fand sie im südlichen land gegen das meer
er wütete in den städten
und auf dem flachen land

und für die traurigkeit und die trauer
fehlten auf einmal die worte
es gab keine gedichte mehr
kein lachen
spiegelte sich im klaren schmelzwasser der bäche

ich höre jetzt auf zu schreiben
höre auf zu singen
beginne
zu schreiben
zu singen

die farben des korns und des himmels verblassen

nicht

wir hatten worte als währung
und bezahlten mit versen
unsere gärten blühten und trugen reichlich früchte
auf der schwarzen erde
wuchs etwas wie vertrauen
die züge und busse holten die menschen
fort vom flachen land in die städte
weit weg in fremde flache länder
wo sie gemüse ernteten für ihre neuen herren
die worte und verse verschwanden für geld
singe Halyna singe noch einmal
das lied der sümpfe Polissja
der wilden pferde die am flussufer grasten
auf den hügeln wiegte sich das licht im wind

eines tages
werden die panzer verschwunden sein
die raketen verstummt
der schutt in den städten fortgeräumt
und neue leben wieder aufgebaut

bis dahin füllen wir unsere leeren kammern
mit tränen
alle flüsse fließen in ein schwarzes meer
und mit ihnen unsere schwarze erde

.

(geschrieben vom 24. Februar bis zum 2. März 2022)

erst kommen die versteppungen

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Masken=Tage, 27.02.2022

dann die verwüstungen

die spielenden augen der kinder
das gras war schon fort

das zittern in der stimme kommt
von den einschlägen
erklärt er uns
in der stadt wächst die angst

fluchtgedanken nur wenige
wollen bleiben und sterben

es ist ein bisschen wie früher
im winterkrieg
nur dass der schnee langsam taut
die angreifer einmal brüder und schwestern waren

der wald bietet keine
verstecke mehr

sagt er uns und wendet den blick
zu boden
der einmal muttererde hieß
und alle ernährte

wir könnten singen schlägt er uns vor
aber das hilft nicht gegen sterben

und auf einmal singen wir
vom himmel über den kornfeldern
von den kosaken
die ihre mädchen verließen

falken flogen über die dörfer
und schlugen tauben

schöne hinter den bergen hinter dem meer
leuchtet die freiheit
und die augen der kinder spielen weiter
mit dem lange verschwundenen gras

 

hämatologie

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Masken=Tage, 12.03.2022

die blutung weitete sich aus
irgendetwas stimmte nicht
mit den thrombozyten der gerinnung
europa verblutete innerlich
die hämatologen und politiker waren machtlos

 

Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren

2021 - zwölf ausgewählte Gedichte

2020 - zwölf ausgewählte Gedichte

2019 - fünfzehn ausgewählte Gedichte

2018 - sechsundzwanzig ausgewählte Gedichte

2017 - dreißig ausgewählte Gedichte

2016 - einunddreißig ausgewählte Gedichte

2015 - sechs ausgewählte Gedichte

2014 - achtzehn ausgewählte Gedichte

2013 - zwölf ausgewählte Gedichte

2012 - sieben ausgewählte Gedichte

2011 - ein ausgewähltes Gedicht

2022 Werner Weimar-Mazur