Anthologien + Zeitschriften

die ersten graugänse erreichen bad doberan

Litera[r]t | Mai 2021 | Seite 4

AG Literatur | gegründet 1996

auf den atem folgen die traurigen lieder
ich kannte meinen vater kaum

ein geschwungenes L lag
unter anderen zeichen
lagen sie alle verstreut im raum in der landschaft
wie die letzten überbleibsel
eines nachlasses vom herbst
zu erben gab es da nichts
mehr
nur ein paar lieder erinnerten noch an einen alten wandschrank
in ihm bewahrte mein vater seine gartengeräte auf
hacke spaten eine schere zum schneiden von ästen
und ein schuhkarton voll mit gedichten
die das licht für ihn gesammelt hatte
der schnee der regen das eis
ein ganzes leben lang
mutter kam darin nicht vor
auch ich nicht
über ein paar seiten strand
weißer sand vor einem leichten abhang
übersät mit blühendem ginster
sogar das schlagen der wellen war zu hören

von stadt zu stadt von arbeit zu arbeit
zogen die bienen die stare
das grau eines nebligen januartages
autos huschten vorbei an einem funkmast

die stationen der s-bahn die aus der stadt fuhr
lernte ich auswendig
manchmal sage ich sie auf
wenn dämmerung aufzieht
oder eine sirene aufheult
auf einem abgerissenen schulhaus
auf einem gesprengten bunker aus dem letzten krieg

es roch nach nacht
nach fisch
eine fliege verschluckte die farben

 

Moria | Greifswald (chant noir)

Und bey den liechten Sternen stehen

Anthologie mit Gedichten zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag, herausgegeben von Berit Glanz und Dirk Uwe Hansen, Verlag Reinecke & Voß, Leipzig, Mai 2021 (ISBN 978-3-942901-46-8)

για την Σιβύλλα

Du meinst, ich solle deiner gedenken und dich lieben?
Auch wenn du mich verlässt, sei nicht so toll!
Ich habe dir schon oft zuvor geschrieben:
Dass niemand Eisen, Stein und Klötze lieben soll.
(adaptierte Übertragung, Sibylla Schwarz: Epigramma)

rudere mit mir zur insel liebchen
wo die boote nicht festmachen dürfen
im nächsten leben werde ich wiederkehren
als ein strand für die boote vom festland
die wellen eines südlichen meeres dringen in mir vor
trunkene burschen und schlaue mädchen
wiegen sich in den armen des windes
heben sie an zu gesängen
einer anderen zeit
alles ist schön alles ist neu baby
wenn du die augen schließt
komme ich auch am tag
fühlst du die nacht
die kanonenboote sind lange schon abgezogen
der meeresgott selbst hat sie befohlen

warte nicht auf mich
rudere weiter in ein anderes meer
ein grünes
mit gold an den küsten
erstarrt sind die käfer die fliegen
lass sie schlafen neben findlingen
aus nordischem granit neben gräbern
sticht mein vater aale
rudern wir ihm entgegen

toteis legt sich neben die stadt
schmiegen wir uns an seine lenden
schlage deinen leib gegen meinen
wie das wasser schlägt gegen die kaimauer
zum geschrei der raubmöwen
zum geschrei der ertrinkenden
vom grund steigen schmerzen auf
im schlamm ist es kalt

reiben wir uns wund an der zeit
[in der bewertung später heißt es
es war krieg]

 

dom

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Lyrik heute, 30. März 2021

Krakau war morgens bewölkt, die Hügel dampften.
(Adam Zagajewski: Der Koffer. in Asymmetrie, Gedichte, aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall, Krakau/München, 2014/2017)

wir hätten in krakau bleiben können
aber wir wollten ins salz von wieliczka
später weiter nach zakopane und an den dunajec
wir hielten die zeit an
das licht über den beskiden und der tatra
wir erinnerten uns
an die tuchhallen
die kirche
den drachen in seiner höhle unter dem burgberg
wawel
das ufer der weichsel
wir dachten an kopfsteinpflaster
oder einen schlafenden ritter
der motor des wagens stotterte
ein paar polnische wörter hinaus in die nacht
hier muss es gewesen sein
wo die pferde gelahmt hatten
beim rückzug einer ganzen armee
am himmel kreisten kraniche und flugzeuge
in der stadt panzer
die bewegungen glichen wellenbewegungen
glichen flucht
mädchen sangen
die burschen grölten
ein vorhang aus wasser licht und luft
legte sich über die landschaft
irgendwo blökten schafe rinder wieherten pferde
das gras war vergiftet die weiden die brunnen
auf den anhöhen gab es stellungen mit flakgeschützen
luftabwehrraketen
irgendwo in den wäldern herrschte krieg
und plötzlich wurde es still
gott hörte auf zu zählen
veronika schlief
die züge standen
die steine schwiegen
wenn es eine auferstehung gibt dann
genau hier
genau jetzt

aber das sind nur geschichten die schon lange niemand mehr glaubt

ich habe von einer frau gelesen
dass sie durch seine straße gegangen war
stehengeblieben vor seinem haus
sich aber nicht getraut hatte
hinein zu gehen ihn zu besuchen
jetzt ist er tot

heute nacht wird die zeit umgestellt

[geschrieben waldkirch, 27. März 2021]

 

februar zehnter und elfter

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Zeitzünder Politik & Poesie, 14. März 2021

In jenem Winter war ich von einer gestaltlosen Wut gepackt. Ich werde nicht sagen, welcher Art, nicht davon will ich erzählen. Nur muß ich sagen, daß sie gestaltlos war, nicht heldenhaft, nicht feurig; irgendwie galt sie der verlorenen Menschheit.
(Elio Vittorini: Conversazione in Sicilia. dtsch. Gespräch in Sizilien. 1941/1977)

es liegt ein zauber auf diesem land
und der schnee geht nicht / wie er gekommen ist

zurück in die erinnerung / rufe ich die namen / von voodoo-puppen
und wir / sind still / ringen nach worten / für einen vers
ein gedicht
alles ist nur noch erbärmlich
peitscht der winter den schnee ins land
laut / läuten
die schneeglocken / zum lockdown
meine puppe trägt hosenanzug
ihr ende ist vorhersehbar / im herbst
wird auch sie zu den privilegierten gehören
politische lyrik / geht anders!

da ist eine gestaltlose wut
alles färbt sich rot / brennt
die haut schält sich / schuppt / am ganzen körper
ich bin autoimmun / fresse mich durch mich selbst / jeden tag ein stück / mehr
und am morgen legt sich blutiger tau auf den schnee

die hände nehme ich mit wenn ich gehe
ins land der körperlosen
die ungeschriebenen bücher

wenn ich zurückkehre / ohne hände

 

bekanntes und lupinen

Litera[r]t | Februar 2021 | Seite 2

AG Literatur | gegründet 1996

Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
(Ingeborg Bachmann, Die gestundete Zeit, Gedichte, München 1957.)

die zeit für heitere verse ist vorbei
die lupinen sind gelöscht
die stimmen
diese findlinge des himmels
in die erdenschwere entlassen
basaltsäulen sind die engel
gletscherzungen ihre gewänder
schmutzig vom moränenschutt
und dann und wann
in das laute knacken brechenden eises
dringt der helle ton
eines regenpfeifers
sammelt moose und flechten
ihn zu betten auf unserem grab

 

seesure | korrespondenzen

Ich bin an einem See geboren worden,
also mußte ich früh schwimmen lernen.
(Barbara Frischmuth, in Das kleine Mädchen das ich war. Herausgegeben von Ingrid Strobel, Köln, Emma Frauenverlag, 1982.)

[zensus 1991] erkennungsmerkmal
muttersprache ungarisch
vaterlos die lilien
nur mütter hüten das feuer

der see schwappt
gegen die felsen

du schwimmst
mit den wasserschlangen
beim schwimmen entdeckst du
deinen abhanden gekommenen körper wieder

aus deinem haar weht der wind
des durchfahrenden schnellzugs
eine locke
in deine stirn

[ ] die nacht scheint ins haus
und füllt es mit dunkelheit
mondsucht taumelt
von tür zu tür

eine handvoll dichter ist übriggeblieben
in der früh werfen sie verse ins wasser
lang
beobachten sie die konzentrischen kreise

vom kiesweg knirschen schritte
stimmen

der see könnte ein see sein
oder eine sure aus dem koran

ein ganzes volk von narzissen stirbt nicht freiwillig
ein loch im schuh des dalai lama vom vielen streben nach nichts

tätowierer sind die wahren entdeckungsreisenden
auf deiner haut
sprich mit ihnen
meinetwegen auch ungarisch

jahrestage sucht man nicht aus

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Memo, 29. Januar 2021

ich muß für mein leeres Zimmer Blumen stehlen,
denn mein Schutzengel kommt zu mir zum Abendessen.
(Christoph Meckel: Tarnkappe, Gedichte, München 1956)

jahrestage sucht man nicht aus
das leben gibt sie vor
das sterben
die schnee-eulen beräumen die städte und landschaften
befreien sie
vom müll und schutt ganzer zivilisationen
ein asphaltrest eine ackerkrume
ein vers
nichts bleibt mehr übrig
die weltwinde versammeln sich
auf den gräbern vergessener dichter
findlinge toteis
stimmen
markieren die stellen
wo einst meropsvögel die häuser bewohnten
nachtfalter die täler
noch ist der himmel voll vom staub ihrer schwingen
noch einen ganzen winter lang
lichter heben an
machen sich auf aus den unterirdischen labyrinthen der grabkammern
steigen mit zwergen an ihrer seite
zurück auf die erde
die finsternis zu vertreiben welche die flüsse mitbrachten
von einer langen reise durch das land der gedichte
[wenn ich sie lese
fließt mit ihnen
eine tonspur]

[geschrieben für den 29. Januar 2021, Waldkirch]

 

Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren

2020 - zwölf ausgewählte Gedichte

2019 - fünfzehn ausgewählte Gedichte

2018 - sechsundzwanzig ausgewählte Gedichte

2017 - dreißig ausgewählte Gedichte

2016 - einunddreißig ausgewählte Gedichte

2015 - sechs ausgewählte Gedichte

2014 - achtzehn ausgewählte Gedichte

2013 - zwölf ausgewählte Gedichte

2012 - sieben ausgewählte Gedichte

2011 - ein ausgewähltes Gedicht

© 2021 Werner Weimar-Mazur