Anthologien + Zeitschriften

abend der partisanen | kebec

fixpoetry.com

Text des Tages 25.10.2020

Wir sind begeistert von Quebec, aber Edward will es nicht malen, also fahren wir morgen weiter.
(Josephine „Jo“ Verstille Hopper, geb. Nivison, in einem Brief vom 24. Juni 1933)

abend der partisanen
die nachbarn schlafen mit faltern
lautlos stößt das meer die tür auf
und schwemmt leguane ins zimmer
flugzeuge
halbwahrheiten
tommaso ist endlich eingeschlafen

ich schreibe wieder mit dem bleistift
ich esse wieder mit den fingern
ich liebe wieder junge mädchen

der held schlägt sich gegen die brust
noch ganz aufgewühlt von den wirren des krieges
aus dem er gerade zurückgekehrt ist

vom meer rufen stimmen
von den bergen rufen stimmen
vom fluss und aus den wäldern
den ebenen
den vorlanden schwebender städte
ich verwechsle schon ihre namen

elena!

öffne die fenster
lass die fledermausschreie ins haus
ich will sie begleiten
tanze zum fidelspiel

der mond nimmt dich in den arm
erdrückt dich mit seinem dicken bauch
der mond singt ein wiegenlied
für dein ungeborenes kind
in seinem licht zittert das gras

[abend der partisanen
die nachbarn schlafen mit faltern
im fließen der stille
wo der fluss enger wird]

 

vogelmenschen sprechen armenisch

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Gedicht der Woche 10.09.-17.09.2020

Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
(aus Katerina Poladjan: Hier sind Löwen. Roman, Frankfurt a.M., 2019)

kaukasische verse strömen durch unseren garten

wir zählten walnüsse mandeln aprikosen
häuften wir zu seltenen erinnerungen gefühlen
die uns überkamen beim anblick von ausgetrockneten flussbetten
nur an den quellen in den bergen
führten die flüsse wasser in den weiten ebenen
den städten fielen sie trocken
zählten wir granatapfelkerne am himmel flugzeuge
häuften wir zu stimmen unserer ahnen
erzählten sie von kämpfen kriegen
flüsterten vom meer
dem die flüsse kein wasser brachten sondern leid

säumten walnuss mandel aprikosenbäume die straßen
als wir hinaus fuhren aus der stadt in die dörfer
sangen die gräser traurige lieder
weinten die mönchsgrasmücken die trauermäntel mit ihnen
stimmten wir ein in gesänge aus einer alten zeit

der wind ging kalt
durch die wälder zogen manifeste
minenräumkommandos
suchende findende blicke von liebespaaren
die sich trafen unter den zweigen der wilden aprikosen

das wetter war wie geschaffen für vogelmenschen
für das korn auf den feldern das sich wiegte
in unseren armen
die wir ausbreiteten zu flügeln
über landschaften flogen vergangenheiten

wir lagen nebeneinander
unsere federkleider raschelten bei jeder berührung
nachdem der regen aufgehört hatte
erhoben wir uns schritten majestätisch
in die richtung von schmerzen dass sie uns schützten

in der ferne erschien der ararat im schnee

manchmal träume ich davon
dass noah am ararat vorbei fährt
auf der suche nach einem besseren platz

 

harmonielehre

"Wunderwerk Text"

Anthologie zum Literaturwettbewerb 2020, Hrsg. Die Gruppe 48 e.V., Rösrath

wenn die zwerge in den bergwerken
das gold gefunden
den klangstein geschlagen haben werden
wenn die löwenmenschen über die highways
zu den autobahnrasthöfen gefahren
die vogelmenschen mit den airlines
die himmelsleiter herunter gestiegen sein werden
wachsen brennesseln mit stacheldrähten um die wette
kehren kindheitserinnerungen an verwandte wieder
die schon lange nicht mehr leben an die eltern
die wiedergestorbenen

das große buch der fragen
deine hände bluten von der kälte
platzen frostbeulen auf
mitten hinein in ein zweites leben

an einem anderen tag

sprich leiser
versteck dich

hängt die wäsche noch im wind

niemand hat sie abgehängt und ins haus gebracht
niemand hat sie gewaschen und aufgehängt

deine hände zittern vor krämpfen
verschweig nicht die schmerzen

an jenem tag
häuten sich die sünden ein letztes mal

rauch steigt auf
von einer zigarette oder einem krematorium

[wir sprechen mit blumen und gießen
sie aus mit wachs
deine hände brennen
ich möchte die städte streicheln
als liebte ich sie
deine brüste brennen
ich möchte die bettler küssen
als hörte ich ihre stimmen
in einem untergegangenen schiff]

 

antigone

gestern beim spazieren am rande des parks
traf ich antigone
sie war klein hatte dunkle augen und dunkles haar
erdige hände
ihr vater der unweit auf einer bank saß
rief sie zu sich

als ich weiter ging
lag da ihr halb verwester bruder
ein erdloch und erdhaufen neben ihm

auf der großen wiese zwischen schloss und teich
tummelten sich reitersoldaten
die pferdehufe trommelten zum letzten angriff

heute morgen schlich ich mich zurück an den rand des parks
auf der suche nach antigone
ich wartete sehr lange aber sie kam nicht
auch ihr bruder war verschwunden
sein grab
und das ganze reiterheer

auf einem werbeplakat in der stadt
sah ich ein mädchen mit dunklen augen und dunklem haar
das antigone glich

einzig es fehlten die erdigen hände

stoßwellenmetamorphose |

fixpoetry.com

Text des Tages 06.06.2020

die verschleierung von gedichten

in meinem nächsten leben werde ich virologe
oder eisenwarenhändler
seit langem schwebt mir ein portfolio für eisenwarenhändler vor
[ein portfolio für virologen?
nein!]
an welchem schöpfungstag [oder war es in der nacht?]
erschuf gott die viren

wir ziehen weiter
unseren gedichteherden hinterher
auf der suche nach neuen weidegründen
[ich kenne keine andere
keine bessere!
lebensform als die lyrik]
grasgebete auf den lippen

an die welt will ich mich verschwenden
sie aus ihren kleidern schälen
bis sie nackt vor mir steht
an ihrem geschlecht will ich mich laben
mich daran reiben dass es anschwillt vor lust
in die dunklen tiefen will ich vordringen
bis zum stein

will ich vergehen zwischen ölbäumen vor der ernte

 

zehn verse für mohammed zehn verse für moses

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Zeitzünder, Politik & Poesie, 5. April 2020

irgendetwas gibt es immer
das man nicht mehr erlebt
olympische spiele zum beispiel
die entwicklung eines neuen automobils
ein gutes gedicht
über toteis und permafrost
auch eine liebe vergeht
ich lese wolkenbilder
warum konnten wir nicht zusammen alt werden
mit den moränen

ich sammle sätze
ich lese wolkenbilder
ich hüte permafrost
ich gehe über toteis
ich schwimme in einem felsenmeer
deine schultern tragen brennende verse
nachts betten wir uns auf moränen
der himmel legt uns sterne auf die stirn
wir warten auf akazientage
in deinen händen hältst du wind

 

das alte paris

WORTSCHAU Literaturmagazin

Ausgabe Nr. 35, April 2020 (ISBN 978-3-944286-28-0)

und wenn der asphalt weich wäre und weiß
oder wenigstens hellblau
würde ich ein himmelbett aus ihm bauen
auf ein auto bettete ich mein haupt
und in einem der prächtigen boulevards
suchte ich mir einen mann
den zweitbesten der vorüber käme
alle bewohner der stadt wären eingeladen zu unserer hochzeit
die grillen zirpten
und ein opernchor sänge arbeiterlieder
am seineufer lägen die liebespaare
wir badeten nackt
und eine gesandtschaft aus der seniorenwohnanlage
summte alte schlager
im ersten saal der städtischen kunstgalerie
stellen sie steinkohlenteer aus
im zweiten abgeschlagenen asphalt
und im dritten saal läuft ein videofilm
über straßenbau um die jahrhundertwende
auf der place vendôme steht ein riesiges himmelbett

 

verse näher an sich heranlassen

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Zeitzünder, Politik & Poesie, 8. Februar 2020

für Christoph Meckel (* 12. Juni 1935, † 29. Januar 2020)

wir halten die wasser an
den wind
wir halten den schnee an
wir unterbrechen die blutspur des pumas in den bergen
wir folgen dem formationsflug der kraniche
auf der gekräuselten wasseroberfläche eines fremden meeres
wir lauschen dem surren eines immenvogels
im kelch einer glockenblume
sie läutet den frühling den herbst
im sommer ruht sie sich aus
wir stimmen ein in die wintergesänge
die uns wecken aus unserem letzten schlaf
zwischen fischen
kastanien akazien
in deren schatten sie sich sonnen
mit dem durchdringenden licht der poesie
wir heben an zu einem abschied
am grab eines unbekannten poeten
geben ihm steine mit auf die reise
damit sie leichter wird für ihn

[geschrieben am 31. Januar 2020, Freiburg-Herdern]

 

ramstein und gomorrha

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Zeitzünder, Politik & Poesie, 4. Januar 2020

nur ein rauschen
hören wir nur ein rauschen
des windes in den blättern der bäume
des baches unter den bäumen
des regens in den bäumen
und im bach
ein rauschen des alls
sonst nichts
es ist nacht [15. Oktober, 01:09 uhr]
die toten haben sich abermals schlafen gelegt

 

Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren

2019 - fünfzehn ausgewählte Gedichte

2018 - sechsundzwanzig ausgewählte Gedichte

2017 - dreißig ausgewählte Gedichte

2016 - einunddreißig ausgewählte Gedichte

2015 - sechs ausgewählte Gedichte

2014 - achtzehn ausgewählte Gedichte

2013 - zwölf ausgewählte Gedichte

2012 - sieben ausgewählte Gedichte

2011 - ein ausgewähltes Gedicht

2020 Werner Weimar-Mazur