Anthologien + Zeitschriften

isenheim (erster gesang)

Feldkircher Lyrikpreis 2017

Erika Kronabitter (Hg.), Lyrik der Gegenwart 71, Edition Art Science, St. Wolfgang (ISBN 978-3-902864-78-9)

wir richteten uns ein im bauch eines wales
und hofften dass er uns wieder ausspeien würde
nach seinen tauchgängen im marianengraben
seinen flügen über wellengebirge
hieltest du licht in den händen
antworteten dir stimmen und erinnerungen
hörten wir auf die nächte zu zählen
die jahre
das unglück
die landschnecken befuhren alle weltmeere
hielten auf inseln landgänge ab
und träumten sich odysseen

am schönsten waren die mädchen von gozo
der held selbst wusste es und blieb
viele jahre zogen ziegen und schafe
über die dornbuschheide

ich trug mir schieferöl auf
das durch die haut floss schweflig teerartig
in einigen platten fand man ichthyosaurier
die mit ihrem aussterben um die wette schwammen
posidonienschiefer
poseidonschiefer
pyritisiert war das neptungras im tod
ein wandschmuck über dem kaminsims

ich las dein leben und wunderte mich
dass ich in ihm nicht vorkam
du hättest mich vorwarnen müssen
oder wenigstens dem specht im garten
nicht das klopfen verbieten dürfen
unten am see hatte sich ein boot losgemacht
und trieb über die wasserfläche
spiegelungen eines früheren lebens
begleiteten es in konzentrischen kreisen
dein klatschen ordnete die natur

mit baugruben machte mir keiner so leicht etwas vor
am abend schlich ich mich in den wald
und legte fallen aus
du riefst an
dass dein vater gestorben war
und du allein sein wolltest

ich reiste in einem falter
flügel falter staub warst du
bei mir ein roter ford
umhüllte dich felicitas
der aschenbecher war voll
erinnerungen an ilya + yevgenii
das recht der ersten reise
yes baby
no darling
ich war puppe raupe
ein gesponnener faden
schleim absonderung absonderlich
seidene vorhänge in den fenstern
schärften spiralnebel deinen blick
umgabst du dich
mit einer letzten metamorphose
[ein loch geschlagen in die erdkruste]
war alles elektrisch das licht wie der stuhl

den gläsernen bogen des mondes strich ich
dass musik erklang
eine dünne glasmusik (des todes)
die spuren der blumen führten in ein grab
das land lag weiß auf frischem blut
und nur die erde wärmte den puls
der jäger und gejagten
wir flochten flachs zu schwarzem haar
mirjam sang
von einem blonden meer
einem toten meer
hob an die stimme
du warst in einem stern geboren

ein neuer ton klang in die nacht
der schlag einer schwanzflosse in einem netz
fischer holten es ein
als das letzte mondlicht erloschen war
nach getaner arbeit am ende eines kurzen lebens
lag der see wieder ruhig
schien mir
nur ein zittern auf dem wasser noch
das erinnerte an einen tod

 

walisische nächte (zweiter gesang)

zwischen den häusern spazierten
menschen neben zebras und antilopen
auf der suche nach einer wasserstelle
dürsteten alle nach wissen
am grunde des meeres
bewegten sich träume im trilobitengang
vorwärts

zeichneten starenschwärme und bienen
flugbilder an den himmel
im kommen und gehen
unterschieden sie sich
nicht

von irgendwoher drang gesang
in die gassen und hinterhöfe
eines faulen sonntagnachmittags
roch es nach gewürzen nach fisch
gedünsteten kräutern
gebratenem gemüse und fleisch
ich folgte den blicken der mädchen
aus augen wie karseen
die jemand liegen gelassen hatte
zwischen den häusern einer stummen vorstadt
und den fernen dörfern eines felsengebirges am horizont
schwappten verse über die dächer
in einer fremden sprache
im rauch der kamine
stiegen die wörter hinauf in die wolken
eines plötzlich unbekannten himmels
streifte deine hand eine wegwarte
die aufblühte zwischen den heimwehen
nach dem letzten frühlingsmond

wir übten uns in asche
schlenderten polizisten im einsatz
durch lyrische städte
streiften bargänger auf der suche
nach einem whiskey
on the rocks unten am fluss
bei den mädchen
im mondschein
wiegte das wasser die planken
gegen die kaimauer drückte ich dich
meine hand ruhte aus
auf deiner brust
der atem der möwen
spiegelte sich im licht
dein heller hals
legte sich in die gesänge der nacht
und blieb [in den quecksilberträumen]

gesang zwei

Peter Schaden (Hrsg.): Freie Räume.

Anthologie zum Wiener Werkstattpreis 2017, Wien (ISBN 978-3-903104-06-8)

die versuche über den wald liefen ins leere
kreisten schwarzstorch und waldrapp um ein neutronengeschoss
lag es verschattet neben der luftwurzel eines baums
suchtest du in stadt und dorf eine straße
die heraus führte aus dem grün

in ein nebelgebiet über flussauen
mischten sich stimmen mit den flügelschlägen von wörtern
die über dir kreisten
und einen namen riefen
indem sie das verschwiegene aussprachen

suchtest du weiter die liegengelassenen
augen und münder deine haare
auf denen du wiegenlieder spieltest
für ein totgeborenes
mit kristalliner struktur

[webtest du wasserzeichen in ein mandelland]

 

gesang drei

wir sammelten spuren von überlebenden
drangen vor in den stadtkern
die nasszellen waren geflieste herzkammern
darin bebten stimmen
alles war voll blut

schreie standen geschrieben an hauswänden und türen
die dichter waren geflohen
keiner lebte mehr in den quartieren
am fluss nicht und nicht in den parks
mundlos nannten wir die stadt

parallelstädte öffneten ihre schlünde
darin lagen taurusgebirge begraben
kaukasische täler und flüsse
gnuherden und hyänen
unter einem dornbusch schlief müjde

träumte ihre leben und tode
am ende eines langen tages
erzählte sie rashid von blumen und faltern
die sich vereinten
um einen neuen gott zu zeugen

der sprechen konnte und singen
wenn er über die felder lief
und frische feigen erntete datteln
und den ziegen geheimnisse verriet
über die missbildungen im sprachzentrum der stadt

gesang vier

tage voll schwatzhafter besessenheit
zogen vorüber am bahndamm
streiften die blicke der menschen
die aus den fenstern schauten
den zügen den reisenden nach
in eine ferne ungewissheit

sie durchschritten den tag vom morgenland bis zum abendland
ruhten aus in der tausend und ersten nacht
zogen ruinen von städten vorüber
geister gespenster verwundete tiere
riefen sie beim namen
setzt euch ein wenig zu uns
sprachen die weißen pferde
trinkt mit uns sagten die gerade gestorbenen
raucht opium mit uns forderten die gebrächen
denen ein arm ein fuß oder ein auge fehlte

ich teilte die erde in luftbilder
in einem lebte der dämon des wolfs
der die sechs geißlein gefressen hatte
satt legte er sich schlafen
in einem anderen lebtest du
in einem himmel spiegelte sich das siebente geißlein

gesang fünf

wurden die besuchszeiten der städte verlängert
schmerzten die einsamkeiten bis in den tag
rief eine stimme aus dem off
nicht stehen bleiben weiter gehen
es kommen alle dran
säumten verwundete tiere die nacht
ein hinkender hund eine verstümmelte katze
im rücken eines wals zuckte eine harpune

wir zogen uns zurück in die steinkohlenwälder
wo ginkgo und schachtelhalme mit baumfarnen um die wette sangen
erstrahlte dein antlitz in den straßen
blieben alle autos stehen

die zugvögel kehrten um
und schlugen eine neue richtung ein
nahmen kurs auf die schiefergebirge
in denen der schnee lag bis zum herbst

in den gärten pflanzten die menschen wehmut
du sprachst ihnen den trost der verlorenen zu
halfst ihnen über den verlust von trauer hinweg
und legtest deine hand auf ihre gesenkte stirn

über gebräches gebirge gingen die worte
über dünnes geäst schlichen die vokale
hand in hand mit den konsonanten
schleuderten verse die grammatik aus der sprache ins meer

gesang sechs

in der wasserleitung ein klappern von holz
im wald ein rauschen über der schwanzfeder
eines geflügelten worts
wir glaubten an auferstehung und gewässerkunde
unsere augen folgten einem schatten und stimmen
die über ein schneefeld huschten
du bist nackt
dein körper ist mein laken
in einem bett aus buschwindrosen
ging friedfertigkeit über die gespiegelte zeit
waren ihre bewohner in die städte gezogen
und gaben sich hin
dem lärm der betonwände
der verletzlichkeit der häuser und straßen
alles lag unter einer glocke aus wollust
hinter den alten mauern verlassener fabriken
fühlte man stille und vergessen
deine lippen formten wörter und himmel
in einem schrillen dauerton schliefst du
träumtest die zerrissenheit eines lebens
zwischen blumen und faltern
wuschen die frauen im fluss gesänge
ganz früh am morgen
im ersten licht über den bergen
verhallte ein weinen in der nacht
der versöhnung

gesang sieben

legten sich landschaften über die schönheit
wie stimmen über das gras
und staunende nebelbänke in den wald
floh eine kuckuckslichtnelke
deinen namen auf den lippen
kuckucksknabenkraut
trugen gebirge schwere auf deinen mund
legte sich ein murmelndes und trauriges meer
sprachst du mit den scheuen füchsen
und botest gesänge zum tausch gegen schatten

ein mammut überlebte
im permafrost wurde es besungen
bis in unsere zeit
eiskalt
kamen in zottigen gewändern
dichter und großwildjäger
in die bärlappwälder flohen die fasane
die automobile vom nahen golfplatz
erlaubten einen geordneten rückzug
ergriffen uns staubwolken aus pastell
schnitzten wir gedankengänge und gesänge
stiegen aus flatternden flüssen
erinnerungen

plötzlich war es wieder da
dieses gefühl der verlorenheit und ohnmacht
über das delta und die alte kaiserstadt
zogen libellenschwärme
in ihren leibern saßen reiter mit maschinengewehren
voraus gegangen war eine entlaubungsaktion
der wald hatte seine gedichte für immer verloren

herzen und ammoniten

Der Dreischneuß - Nr. 29 - Visionen - 8/2017

Zeitschrift für Literatur, Marien-Blatt Verlag, Lübeck (ISSN 1432-0045, ISBN 978-3-934611-38-2)

die berufskrankheiten der dichter ziehen sich zurück
in die städte auf die wiesen
vor den städten die felder
und wälder jenseits des flusses
malt der himmel flugbilder von zugvögeln

fast reimlos
zeichnet mein mund
die konturen deines körpers nach
die linie deiner schulter deines nackens
pulst gegen den morgen

[wir dachten an vergangenes]
lyrisches fleckfieber

 

bogaz

wir standen am ufer des bosporus
und blickten hinüber
in das gespiegelte land
dort aßen sie honig und tranken galle
leoparden säumten das ufer
autos hupten und Şirin winkte
einem albatros nach
der schatten seines flügels
streifte ihr gesicht
das wasser sang
und in den wellen verhallten
schüsse aus einem fernen gebirge

wir nähern uns norden

kalmenzone literaturzeitschrift

Heft 11 Frühjahr 2017, Bonn (ISSN 2196 3835)

für Rebecca Zinke

liegt dein gesicht zwischen zwei monden
zerfließt schnee
waren die konturen deiner augen
einmal licht einmal nacht
ein anderes mal

trafen wir uns auf altem kristallin
langsam fangen die falten an
meine geschichte zu erzählen

granatglimmerschiefer faltengebirge
aus knotenschiefern
baute ich das dach eines hauses

im mittagslicht schimmert cordierit
cordieritblau beugt sich der himmel
über das dorf
in seiner unwissenheit wirkt er einsam
allein ein eremit
unter den einzelgängern der bergdohlen
gleicht deine stimme dem knistern in eis
wir nähern uns norden

 

gesang eins

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Gedicht der Woche 23.-30.03.2017

auf einmal wurde die landschaft hügelig
buckelwale duckten ihre rücken im gras
alle halme bewegten sich im gleichklang
die musik musste von fern kommen
hinter dem gebirge wechselte der himmel seine farben
Şirin sang
von der küstenebene drang kriegsgeschrei
die wale verharrten im abendlicht
dass ihre körper aussahen wie gebrannter ton
selbst der himmel erinnerte an irdenes
steinzeug
ich lief schneller
auf einmal hörte ich ein schnauben und toben
die buckelwale richteten sich auf
flohen hinaus in die dunkelheit der nahenden nacht
Şirin sang weiter
das kriegsgeschrei näherte sich
entfernte sich wieder
und verstummte im letzten ton des lieds

dann hörte ich nur noch deinen atem

 

bogaz

mosaik - Zeitschrift für Literatur und Kultur

freiVERS 26.02.2017

wir standen am ufer des bosporus
und blickten hinüber
in das gespiegelte land
dort aßen sie honig und tranken galle
leoparden säumten das ufer
autos hupten und Şirin winkte
einem albatros nach
der schatten seines flügels
streifte ihr gesicht
das wasser sang
und in den wellen verhallten
schüsse aus einem fernen gebirge

 

b

Fixpoetry - Wir reden über Literatur

Text des Tages 03.02.2017

fließen stimmen den abhang der zeit hinab
drängt gedankenschutt zu tal
im netz der landschaft
verfangen sich die letzten flüssigkristalle
einer früheren epoche
geh ich den weg der monde und gestirne
sind sanduhren gefüllt mit falterstaub
erinnerungen einsamkeiten
schwarze löcher
bleibst du bleibe ich
stehen
staunen wir
fülle ich noch einmal die zeit mit moränen
rotkehlchen gesängen stille
stille
so groß wie zwei karseen im winter
so weit die arme reichen
die hände begreifen
deinen leib unter schnee
den amselleib
lass die haut blühen im frühling
mit den himmelsschlüsseln
buschwindrosen auf rabatten zwischen kieswegen
und mauern
zählen wir magnetisch im schwerefeld der liebe
21 22 23 schatten legen sich neben uns
durchschnitten von einem strom aus stimmen
können wir durch glas gehen
mit den zugvögeln kehren die raketen zurück
die flakgeschütze landminen kindersoldaten
in aussichtslosen stellungen an einem abhang
reicht weit der blick über nomadenzelte

 

undulation

Signaturen - Forum für autonome Poesie

Montags=Text 30.01.2017

1
großes herzecho an der wand
hängen gemälde von bruegel
du spielst violine

2
wir falten blumen zu gedichten
und verfüttern sie an die ungläubigen
hautflügler

3
adonisfalter wollen wir sein
auf einem röntgenbild
mit lungenflügeln

4
du atmest groben sand
mit den flugzeugen
ziehen stare übers gebirge

 

troja

über die gefalteten dächer
wirft der krieg girlanden
ayhan schläft seit tagen
ziehen schillerfalter ins gebirge
liegen tarnnetze über karawansereien
und in den ebenen flugabwehrraketen
ayhan geht im traum
nackt zwischen soldaten
schläft der halbmond
hören schmetterlinge
flüsternde stimmen in den bergen

drängen truppen
von allen seiten gegen die stadt
auch vom meer
täuschen weiße segel frieden vor
rudert ayhan ihnen entgegen
in simulationen
fällt soldaten das töten leicht
im häuserkampf richten sich die gefalteten dächer
noch einmal auf
später werden die dichter des landes
die schönheit der berge besingen
doch die schillerfalter kehren nicht zurück

paris

18ter november deine haut
bereitet sich auf den winter vor
letzte woche sprachen dichter über sprache
eichelhäher
tausendgüldenkraut
giersch
gestern wurden freundschaftsspiele im fußball abgesagt
heute beobachtest du eine gruppe kinder beim schulgang
spiegelt sich der schneehimmel in einer pfütze
wir atmen neonlicht
ich beobachte deine schulterblätter
und meine hand legt sich auf deine halb entblößte brust
die stadt der liebe schließt ihre tore

Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren

2016 - einunddreißig ausgewählte Gedichte

2015 - sechs ausgewählte Gedichte

2014 - achtzehn ausgewählte Gedichte

2013 - zwölf ausgewählte Gedichte

2012 - sieben ausgewählte Gedichte

2011 - ein ausgewähltes Gedicht

2017 Werner Weimar-Mazur