Heimwehe. Gesänge.

isenheim

heimwehe. gesänge.

Dortmund (Edition Offenes Feld, Hrsg. Jürgen Brôcan). 2022. ISBN 9783755753520

wir richteten uns ein im bauch eines wales
und hofften er würde uns wieder ausspeien
nach seinen tauchgängen im marianengraben
seinen flügen über wellenberge
hieltest du licht in den händen
antworteten dir stimmen und erinnerungen
hörten wir die nächte zu zählen auf
die jahre
das unglück
die landschnecken befuhren alle weltmeere
hielten auf inseln landgänge ab
und erträumten sich odysseen

am schönsten waren die mädchen von gozo
selbst der held wusste das und blieb
viele jahre während schafe und ziegen
über die dornbüsche zogen

ich trug mir schieferöl auf
das durch die haut floss schweflig teerartig
in einigen platten fand man ichthyosaurier
die mit ihrem aussterben um die wette schwammen
posidonienschiefer
poseidonschiefer
pyritisiert war das neptungras
ein wandschmuck über dem kaminsims

ich las dein leben und wunderte mich
dass ich in ihm nicht vorkam
du hättest mich vorwarnen müssen
oder wenigstens dem specht im garten
nicht das klopfen verbieten dürfen
unten am see hatte sich ein boot losgemacht
und trieb über die wasserfläche
spiegelungen eines früheren lebens
begleiteten es in konzentrischen kreisen

mit baugruben machte mir keiner so leicht etwas vor
am abend schlich ich mich in den wald
und legte fallen aus
du riefst an um mir zu sagen
dass dein vater gestorben war
und du allein sein wolltest

ich reiste in einem falter
ich war puppe raupe
ein gesponnener faden
schleim absonderung absonderlich
seidene vorhänge in den fenstern
schärften spiralnebel deinen blick
hülltest du dich
in eine letzte metamorphose
ein loch geschlagen in die erdkruste
war alles elektrisch das licht wie der stuhl

den gläsernen bogen des mondes strich ich
und musik erklang
eine dünne glasmusik (des todes)
die spuren der blumen führten in ein grab
das land lag weiß über frischem blut
und nur die erde wärmte den puls
der jäger und gejagten
wir flochten flachs zu schwarzem haar
mirjam sang
von einem blonden meer
einem toten meer
hob die stimme an
warst du in einem stern geboren

ein neuer ton klang in die nacht
der schlag einer schwanzflosse im netz
das fischer einholten
als das letzte mondlicht erloschen war
nach getaner arbeit am ende eines kurzen lebens
lag der see wieder ruhig
schien mir
nur ein zittern auf dem wasser noch
an einen tod zu erinnern

 

heimwehe. gesänge.

Dortmund (Edition Offenes Feld, Hrsg. Jürgen Brôcan). 2022. ISBN 9783755753520

" Dichtung und Melancholie sind oft nicht zu trennen, wie »heimwehe« aufs Schönste beweist, der vierte Gedichtband von Werner Weimar-Mazur. Allerdings kann man »den schmerz mitlesen, auf dass er ver-/wehe; das weh eins w:erde mit der sehnsucht«, wie José F. A. Oliver in seinem lyrischen Buchgruß konstatiert. Die »gesänge«, so der Untertitel, bewegen sich dabei »zwischen granatglimmerschiefer, Schwarzem Meer, Teheran, Kabul und Isenheimer Altar«. Christoph Meckel, der erste Leser des Typoskripts, nannte diese Gedichte nicht zu Unrecht offene Gebilde mit einer weitschwingenden Musikalität. Und für Tim Trzaskalik sind sie »Tunwortgesänge«, weil in ihnen »so viel geschieht, die Welt so schön verrückt wird«. "

Der Lyrikband enthält in drei Kapiteln (zwölf gesänge + thirteen, neue gesänge, seidengesänge) je 13 "gesänge", wie die Gedichte darin benannt sind, sowie einen "Buchgruß" (in Gedichtform, anstelle eines Nachworts) von José F. A. Oliver. Die Schlusslektorierung erfolgte durch Tim Trzaskalik. Die Coverillustration stammt von Yannick Meusel.

"Buchgruß" (anstelle eines Nachworts)

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José F.A. Oliver

heimverweh:ende ins wort der w:orte
für W.W-M.

& den schmerz mitlesen, auf dass er ver-
wehe; das weh eins w:erde mit der sehnsucht. heimat

ist ein b:leibender begriff. kann
großes & klein(mütiges) anrichten; wenn
das wort w:ort wird
ins offene, ist es
ein menschenumarmender plural.

ich lese mich ein und werde fündig: „ich las
dein leben und wunderte mich / dass
ich nicht in ihm vorkam“. da
gräbt jemand mit seinen bildern und deren er-
zählungen auch nach meinem atem, der im rhythmus

dieser poetischen lebsätze aus längst gegenwärtigem ins vergangene versekämmt. was Werner Weimar-Mazur
vorlegt nachlegt darlegt
sind gedichte wie „ausgeschweiftes leben in einem goldenen schuh“. viel-

leicht ist ein teil des geHEIMnisses der anwesenheit ein verschwinden-
dürfen & -müssen
ins nichtgesagte, das alles
bespricht. verse, als
könnten sie sich, weil sie sich kennen,
an schmetterlingen verletzen vor lieb

und entschiedenheiten ins wider-
ständische, um das irdische

vieler- und n:irgendorts zu besingen. so sind gedichte, die

schürfen und schorfwunden hinterlassen im wort, das sich fügt
ins nächste und ins vertraut-fremde und: in die w:orte aller
ge:zeiten zwischen granatglimmerschiefer, Schwarzem Meer, Teheran, Kabul und Isenheimer Altar und: gedichte, die m:undbilder graben
tief ans oberflächliche der welt-

nehmungen. das ist fein-
gehauene poesie. filigran-gemetztes aus ältesten, neu-
alten und jüngeren weit-epochen der ge:schichten. diese gedichte sind
nicht vom himmel heruntergelogen; sie sind wind-

moos, luftwurzelfieber und erdlinge, die sich wahr- und warheiten beugen
gegen jegliches

kriegsgeschrei;

in ein mandelland handlichtgewobener hoffnung, aus und in den trost
der verlorenen zugesprochen. ein würdiger gesang
in klaren versen, auch mundgeflochten. sang um sang.

nicht nur sonntags verwandere ich mich in einen M:azurleser.

heimwehe. gesänge.

Dortmund (Edition Offenes Feld, Hrsg. Jürgen Brôcan). 2022. ISBN 9783755753520

Buchbestellung

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Der Lyrikband "heimwehe" kann direkt im Buchhandel bestellt werden.
Kontaktseite dieser Homepage bestellt werden.

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2022 Werner Weimar-Mazur